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UNIVERSITÄTS-AUGENKLINIK
TÜBINGEN |
Der Begriff Nystagmus bezeichnet ein rhythmisches, unwillkürliches Augenzittern. Nystagmus kommt von griechisch "nystazein", was "Nicken" bedeutet. Es lassen sich zunächst 2 Formen unterscheiden: der physiologische und der pathologische Nystagmus. Den physiologischen, also nicht krankhaften Nystagmus, beobachtet man bei allen Menschen, wenn sich schnell bewegende Objekte betrachtet werden, etwa Landschaften beim Blick aus einem fahrenden Zug. Dieses Augenzittern erfüllt die Funktion der Erhaltung einer stabilen Umweltwahrnehmung. Anders verhält es sich beim pathologischen (also krankhaften) Nystagmus: dieses Augenzittern stört die Sehkonstanz. Er läßt sich zunächst in angeborene (auch genannt "kongenitale" und erworbene Formen einteilen: I. angeborener Nystagmus besteht meist nicht von Geburt an, sondern entwickelt sich oft erst in den ersten 3 Lebensmonaten. Das Augenzittern kann sich nach dem ersten Auftreten noch verstärken. Eine gezielte Fixationsaufnahme erfolgt nicht und manche Eltern haben daher den Eindruck, ihr Kind sei blind. Man unterscheidet 2 Typen des kongenitalen Nystagmus:
Beide Formen haben gemeinsam, daß sich die Intensität des Augenzitterns mit der Blickrichtung ändern kann. Die Schlagrichtung des Augenzitterns ist meist horizontal und kann in Schlagform und Geschwindigkeit innerhalb von Sekunden stark variieren. Oft findet sich eine sogenannte "Neutralzone", also eine bestimmte Blickrichtung, in der das Augenzittern besonders ruhig ist. Liegt die Neutralzone in der Mitte des Blickfelds, so hält der Patient seinen Kopf gerade, liegt sie exzentrisch, so nimmt er eine kompensatorische Kopfzwangshaltung ein. Manchmal ist es auch so, daß das Augenzittern beim Anschauen von Objekten in der Nähe (durch die Naheinstellungskonvergenz) deutlich abnimmt. Besteht eine Neutralzone (und nur dann) ergibt sich die Möglichkeit einer Therapie des angeborenen Nystagmus bzw. der Kopfzwangshaltung: durch Prismengläser oder besser eine Augenmuskeloperation wird bei Geradeausblick die Situation hergestellt, in der durch eine bestimmte Augenstellung der Nystagmus am ruhigsten ist. Die beiden Formen des angeborenen Nystagmus unterscheiden sich für den Betroffenen lediglich durch eine unterschiedliche Sehschärfe, die bei der sensorischen Form deutlich schlechter (etwa 20-30% der normalen Sehschärfe) als bei der rein motorischen Variante (etwa 50-80%) ist. Wichtig ist auch, daß sich der Patient bei den angeborenen Nystagmusformen nicht des Augenzitterns bewußt ist. Sonderformen 1. Nystagmus latens Dies ist eine besondere Form des Augenzitterns, die nur bei frühkindlichen Schielern, meist Einwärtsschielern, auftritt: Die Augen rucken bei Fixation mit dem rechten Auge nach rechts und bei Fixation mit dem linken Auge nach links. Die Ursache für diese Form des Nystagmus liegt höchstwahrscheinlich in der frühen Trennung des beidäugigen Sehens, wie das bei frühkindlichen Schielern der Fall ist. Man meint, daß das gestörte Zusammenspiel der optokinetischen Kontrollsysteme beider Augen für das Auftreten des Augenzittern entscheidend ist. Sieht man also diese Form des Augenzitterns, kann man davon ausgehen, daß durch eine Schielbehandlung normales beidäugiges Sehen (mit beidäugigem Stereosehen) nicht erreicht werden kann 2. Spasmus nutans Dies ist ein Nystagmus, der im 1. Lebensjahr beginnt und nach 1 - 2 Jahren weitgehend verschwindet. Er unterscheidet sich von den oben beschriebenen Formen des kongenitalen Nystagmus durch die hohe Frequenz des Augenzitterns und die mögliche unterschiedliche Ausprägung an beiden Augen. Häufig findet sich zusätzlich ein Kopfwackeln sowie eine Kopfzwangshaltung. Die Ursache des Spasmus nutans ist nicht bekannt. Die Diagnose kann erst rückblickend nach der Rückbildung des Nystagmus gestellt werden. Durch eine genaue augenärztliche Untersuchung, gegebenenfalls ein Kernspintomogramm des Schädels, muß ein Hirntumor ausgeschlossen werden. Ganz selten findet sich ein Gehirntumor als Ursache, und zwar hauptsächlich dann, wenn bei einer augenärztlichen Untersuchung zusätzliche Verdachtsmomente bestehen, wie z.B. eine Sehnervenblässe oder eine Störung der Pupillenreaktion. In diesem Fall sollte eine kernspintomographische Untersuchung des Schädels durchgeführt werden. II. Erworbener Nystagmus Dieser Typ des Augenzitterns tritt meist bei Erkrankungen auf hals-nasen-ohrenärztlichem oder neurologischem Fachgebiet auf. Wichtigstes subjektives Unterscheidungsmerkmal zum angeborenen Nystagmus ist, daß der Patient das Augenzittern selber als Bildwackeln wahrnimmt und als störend empfindet. Es lassen sich grob 2 Hauptformen unterscheiden:
Liegt bei Geradeausblick ein Augenzittern vor, handelt es sich im Rahmen der erworbenen Nystagmusformen meist um einen vestibulären Spontannystagmus. Die Ursache ist entweder eine Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans ("Labyrinth" des Innenohres) oder eine Störungen des Nervus vestibularis, also des Hirnnerven, der Informationen des Gleichgewichtorgans an das Gehirn weiterleitet. Auch Erkrankungen des Kleinhirns können diese Form des Nystagmus verursachen. Diese Form des erworbenen Nystagmus kann, je nach Ursache, mit Schwindel oder Hörstörungen einhergehen. Zusätzlich zu diesen beschriebenen Formen des angeborenen und erworbenen Nystagmus gibt es noch viele Sonderformen, die in der einschlägigen medizinischen Literatur nachgelesen werden können. Zweck dieser Ausführungen ist lediglich in einem kurzen Überblick die häufigsten Formen des Nystagmus kurz darzustellen. (Inhalt: Dr. K. Siepmann und Prof. Dr. V. Herzau) |
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